10. Mai 2022
Unterwantkrücke

Wie wir beinahe in die Karibik gefahren wären

Wir starteten unsere Reise in die Karibik am 2. Dezember 2021 von Mindelo gegen Mittag. Wir waren gut vorbereitet, alles war gecheckt, teilweise auch professionell, wir waren gut verproviantiert und hatten genügend zu trinken gebunkert. Das Wetter versprach nicht sehr gemütlich zu sein. Der Nordostpassat blies kräftig und ausdauernd. Entsprechend hoch waren die Wellen, drei bis vier Meter signifikante Wellenhöhe. Aber da wir Wind und Welle schräg von achtern hatten, waren wir guten Mutes.

Ein bißchen rau aber machbar

Mit uns starteten noch weitere Yachten, in der Nacht sollten wir bis zu zehn Yachten in drei bis vier Seemeilen Abstand auf dem AIS beobachten können.

Im Kanal zwischen den Inseln Sao Vicente und Santo Antao war der Wind besonders kräftig, die gereffte Genua reichte uns schon, um schnell voran zu kommen.Im Windschatten von Santo Antao musste dann der Motor wieder helfen. Gegen zehn Uhr in der Nacht segelten wir wieder mit Kurs 265 Grad.

Der hohe Seegang machte uns natürlich doch zu schaffen. Am ersten Tag haben wir kaum etwas gegessen. Am nächsten dann etwas Müsli und die Situation verbesserte sich nicht wesentlich. Manche Welle, auch gern fünf bis sechs Meter hoch, erschreckte uns. TAIYO war aber immer obenauf auch wenn immer wieder Wasser über das Deck spülte. Dadurch kam aber auch Wasser in unser Schiff und wir mussten in regelmäßigen Abständen Wasser aus der Bilge schöpfen. Das machte uns Sorgen, denn wir konnten die Ursache nicht lokalisieren, war aber für sich allein gesehen auch nicht so schlimm.

Am Morgen des dritten Tages, es war noch dunkel, bemerkte ich merkwürdige Bewegungen des Schiffs, ein merkwürdiges Nachschwingen im Seegang mit Klopfgeräuschen. Mit der Taschenlampe untersuchte ich das Rigg und sah den Schaden gleich: das Backbordunterwant hing nur noch an wenigen Drähten. Der Mast schwang hin- und her.

Isabell an Deck, Segel bergen und unter Motor langsam voraus fahren. Ich versuchte das Want mit Seil und Ratschengurten zu stabilisieren. Aber da ein Stoppersteg auf Stahl nicht gut hält, war das eine wacklige Angelegenheit. Erst als ich einige Kardeele des Wants nach oben bog, hielt das einigermaßen. Als nächstes habe ich das Spinakerfall unter der Steuerbordsaling hindurch nach Backbord umgelenkt und über eine Winsch dicht geholt. Am Steuerbordunterwant konnte man aber gut sehen, das der Mast sich immer noch bewegte.

Improvisiertes Unterwant

In einer solchen Situation, fernab von Land, ist ein Satellitentelefon eine gute Sache. Mittels eines IridiumGo! konnte ich über mein Handy Kontakt aufnehmen. So rief ich MRCC Bremen an. Sie nahmen uns gleich in eine Liste möglicher Seenotfälle auf und ich meldete alle zwei Stunden unsere Position. Von Bremen aus versuchten sie uns Hilfe von den Kapverden zu organisieren, waren aber nicht erfolgreich. Außerdem rief ich Matthias von der SEAPEARL an. Der gab mir den guten Rat, ein Seil über die untere Steuerbordsaling zu werfen, zu fixieren und damit den Mast weiter zu stabilisieren. Ich lenkte dieses Seil über eine Rolle ins Cockpit und holte es mit einer Winsch dicht. 

Wir waren immer noch auf dem Weg gen Westen und es galt zu entscheiden, was wir tun wollten. Zum einen konnten wir weiter fahren, 1800 Seemeilen mit kaputtem Rigg vor uns. Oder 300 Seemeilen zurück zu den Kapverden, gegen Wind, Wellen und Strom. Mit unseren eigenen Dieselvorräten war das unmöglich. Die SEAPEARL, die am nächsten Tag ihre Reise in die Karibik starten wollte, konnte uns Diesel mitbringen oder das MRCC Bremen konnte uns Diesel organisieren. Wir entschieden uns für die Rückfahrt.

Wir gingen davon aus, dass Hilfe eher von den Kapverden zu erwarten wäre als von irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks. 

Die Seenotrettung von den Kapverden war, wie wir später erfuhren, keine Option. Die hätten sich, vielleicht, erst bewegt, wenn wir in der Rettungsinsel gesessen hätten. Am Mittag des nächsten Tages, 30 Stunden nach dem Bruch, rief ich Bremen wieder an und gab bekannt, dass wir am Morgen des nächsten Tages dann ein Seenotfall wären, weil unser Diesel alle wäre. Und an der Stelle bin ich immer noch sehr begeistert von unserer Seenotrettung denn wenig später erhielt ich die Nachricht, dass ein Frachter mit Kurs auf die Kanaren bei uns vorbei fahren würde und uns Diesel mitbringt. Was für eine Erleichterung! Ein Hoch auf MRCC Bremen.

Die PACIFIC ACTIVITY nähert sich

Am späten Nachmittag war der Schüttgutfrachter PACIFIC ACTIVITY auf dem AIS zu sehen und bald nahm er per Funk Kontakt zu uns auf. Wir bekamen genaue Anweisungen, wie wir steuern sollten. Gegen 18 Uhr waren wir auf Parallelkurs, wobei der Frachter uns gegen Wind und Welle so gut es ging abschirmte. So fuhren wir im Abstand von 15 bis 20 Metern neben dem Schiff her. Die gesamte Besatzung stand an der Reling und filmte oder fotografierte. Für sie war es eine willkommene Abwechslung. Beim dritten Versuch gelang es den Seeleuten, uns ein Seil rüber zu werfen. Das eine Ende behielt ich, das andere Ende blieb auf dem Frachter. Etwa in der Mitte des Seils banden die Seeleute einen Dieselkanister daran und ich zog den durchs Wasser zu TAIYO hinüber und wuchtete die etwa 25 Kilogramm an Deck. Das ganze wiederholte sich noch sechs Mal und dann hatten wir 175l Diesel zusätzlich an Bord. Wir waren den Umständen entsprechend glücklich. An Bremen Rescue konnte ich den Erfolg der Aktion melden und dass wir wieder handlungsfähig wären.

Einer von sieben

Die Nacht verlief ohne weitere Schwierigkeiten bis etwa halb sechs, es war noch dunkel. Dann blieb der Motor auf einen Schlag stehen. Ich dachte gleich, dass sich etwas in der Schraube verfangen hatte. Und tatsächlich hatte sich ein Fischernetz um den Propeller gewickelt. Wir setzten ein kleines Stück Vorsegel und liefen vor dem Wind ab. Ich benachrichtigte Bremen von dem neuerlichen Rückschlag. Als es dann hell war, hatten wir uns vorbereitet, uns vom Netz zu befreien. Das freie Ende hatten wir an Bord geholt und befestigt, Brustgurt und Rettungsleinen waren bereit und Isabell hatte den ersten Versuch. Sie  tauchte und kam bis zum Propeller und dann war die Luft alle. Ich hatte den nächsten Versuch und hangelte mich am Netz bis zum Propeller und konnte schon ein Stück abwickeln. Dann zogen wir das Netz an die Steuerbordseite und damit war der Weg nach unten wieder ein Stück kürzer als von achtern. Im zweiten Gang konnte ich einige Seilstücken durchschneiden und im dritten Tauchgang war der Propeller befreit. Wir konnten das Miststück von Netz an Bord stauen und auch der Propeller drehte sich frei in der Strömung. Geschafft! Und auch diese neuerliche Heldentat beflügelte uns. Zumindest eine Zeit lang. 

Gebändigt sieht es so friedlich aus

Bis zum Abend waren wir sehr allein auf See. Doch dann hatten wir ein Rendezvous mit der SEAPEARL, die in einer halben Meile Abstand auf Gegenkurs vorbei fuhr. Matthias und Louisa und auch Matthias’ Vater bauten uns über Funk ein bißchen auf. Uns liefen die Tränen aber es tat sehr gut mit ihnen zu sprechen. 

Wir kämpften uns weiter Richtung Osten gegen Wind und Welle und konnten kaum drei Knoten Fahrt machen. Niemand ringsum. Der Wind nahm zu, die Wellen wurden höher. Immer wieder kam Wasser über. Vor allem im Dunkeln war kaum zu sehen was auf uns zu kam und dann überspülte uns eine große Welle, Wasser lief den Niedergang hinunter ins Schiff und mein Tablet, mein Handy und mein Kindl wurden nass. Während sie zunächst noch Lebenszeichen von sich gaben, stellte sich wenig später heraus, dass alle drei Geräte zerstört waren. Damit konnte ich nicht mehr mit Bremen Rescue kommunizieren, noch mit jemand anderem. Das war ein schwerer Schlag und setzte uns sehr zu.

Wir konnten uns immer noch orientieren und Kurs halten.Und nach vier Tagen hofften wir endlich die Insel Santo Antao zu sehen. 1800m hohe Berge sollten doch wohl von weitem zu sehen sein! Dichter Dunst verhinderte den Blick auf die Berge, selbst aus 10 Seemeilen Entfernung. Scheißgegend! 

Bevor wir dann endlich im Windschatten der Insel waren musste ich erst noch eine halbe Stunde hohe, brechende Wellen aussteuern. Gut, dass es hell war, so dass ich etwas sehen konnte. In der Nacht hätten uns solche Wellen übel mitgespielt. Doch dann hatten wir endlich für drei, vier Stunden Ruhe und konnten uns etwas erholen. Außerdem konnte ich MRCC Bremen melden, dass es uns gut ging. Wir waren wieder im Mobilfunknetz der Kapverden und ich konnte Isabells Handy dazu benutzen.

Doch der härteste Teil lag noch vor uns. Die letzten 15 Seemeilen waren die schlimmsten. In der Düse zwischen den Inseln, gegen Wind und Welle, mit nur 2 Knoten Fahrt, im Dunkeln, ohne detaillierte elektronische Seekarte musste ich selbst steuern. Der Autopilot war dafür doch nicht gut genug. 30 Knoten und mehr Wind, Welle „nur“ 2m und ständig kam Seewasser über. Glücklicherweise konnte ich die beiden Orte Mindelo an Steuerbord und Porto Nova an Backbord als Richtmarken nehmen. Über acht Stunden am Steuer konnte ich durch die Brille kaum etwas sehen. Das Salzwasser trocknete auf der Haut und ab und zu fiel ein Salzkristall aus den Augenbrauen ins Auge. Das brannte wie verrückt. Als ich endlich nach steuerbord in die Bucht von Mindelo abbiegen konnte, hoffte ich, auf etwas weniger Wind. Doch er verfolgte uns bis zum Schluss mit konstanter Boshaftigkeit. Völlig erschöpft machten wir am Steg der Tankstelle fest. Isabell brach weinend auf dem Steg zusammen, den jungen Marinero hilflos neben sich. 

Doch wir hatten es geschafft und der Mast stand noch auf TAIYO! 

Drei Tage waren wir Richtung Karibik gefahren und hatten 300 Seemeilen zurückgelegt. Fünf Tage hatten wir für den Rückweg gebraucht. Der Hinweg war angespannt und anstrengend, der Rückweg ein Schrecken.

Es war unsere bisher schlimmste Seeerfahrung und heute, vier Wochen später, ist TAIYO repariert und fahrbereit aber wir sind es eigentlich noch nicht.

Repariert und bereit